11.01.2026, Beschwerde an ARD-Programmdirektion
ARD-Programmdirektion, z. Hd. Programmbeschwerde
Degeto Film GmbH / ARD-Programmdirektion
ARD-Hauptstadtstudio
Wilhelmstraße 67a
10117 Berlin11.01.2026
Programmbeschwerde zur Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 08.12.2025; hier: Inszenierung mit Stockbetten im Kontext von Asylpolitik
Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit reiche ich eine Programmbeschwerde zur oben genannten Ausgabe der Sendung
„Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 8. Dezember 2025 ein.Gegenstand der Beschwerde ist ein Sendungssegment, in dem die Moderatorin Anna Planken auf einem Stockbett sitzt, das laut eigener Darstellung ein „echtes Flüchtlingsbett aus Göttingen“ sei. In diesem Zusammenhang wurde ausgeführt, die Betten würden „nicht mehr gebraucht“, da die Zahl der Asylanträge zurückgegangen sei. Im weiteren Verlauf wurden die Teilnehmenden der Sendung aufgefordert, die auf der Bühne verteilten Betten gemeinsam abzubauen und wegzutragen. Diese Handlung wurde kommentiert mit Aussagen wie, dass in immer mehr Gemeinden Betten abgebaut würden, Menschenunterkünfte nicht mehr benötigt seien und Turnhallen wieder frei würden.
Ich halte diese Inszenierung für hochproblematisch und mit dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag nicht vereinbar.
Begründung:
- Historisch hoch belastete Bildsprache
Die Darstellung von Menschen in Stockbetten ist in Deutschland historisch untrennbar mit der Bildwelt nationalsozialistischer Konzentrations- und Zwangslager verbunden. Diese Assoziation ist Teil des kollektiven kulturellen Gedächtnisses und kann nicht als subjektive Überinterpretation abgetan werden. Eine solche Bildsprache ist daher nicht neutral und erfordert höchste Sensibilität.- Entmenschlichende Darstellung durch Inszenierung
In dem beschriebenen Segment werden Menschen faktisch aus der Erzählung entfernt. Stattdessen stehen Betten als Requisiten im Mittelpunkt. Aussagen wie „die Betten werden nicht mehr gebraucht“ oder „sie können abgebaut werden“ suggerieren implizit das Verschwinden von Menschen als positiven Zustand. Migration und Asylpolitik werden so auf logistische Entlastung und räumliches Aufräumen reduziert. Eine solche Darstellung widerspricht dem Gebot der Wahrung der Menschenwürde.- Suggestive Dramaturgie statt sachlicher Einordnung
Der Abbau der Betten als kollektive Handlung auf der Bühne, begleitet von Applaus und positiven Kommentaren, stellt keine sachliche journalistische Einordnung dar, sondern eine theatralische Zuspitzung. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist jedoch zu Sachlichkeit, Ausgewogenheit und Zurückhaltung in der Darstellung politischer Themen verpflichtet. Die gewählte Inszenierung überschreitet diese Grenze deutlich.- Verletzung des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags
Der Programmauftrag umfasst insbesondere die Achtung der Menschenwürde, die Vermeidung von Diskriminierung sowie eine verantwortungsvolle Darstellung gesellschaftlich sensibler Themen. Die hier gewählte Bildsprache und Dramaturgie werden diesem Anspruch aus meiner Sicht nicht gerecht.Ich bitte daher um eine formelle Prüfung dieser Sendung und um eine Stellungnahme dazu,
- wie diese Inszenierung redaktionell verantwortet wurde,
- ob die historische Bedeutung der verwendeten Bildsprache berücksichtigt wurde,
- und wie künftig sichergestellt werden soll, dass vergleichbare Darstellungen vermieden werden.
Es geht mir ausdrücklich nicht um die Unterdrückung politischer Debatten oder statistischer Einordnungen zur Asylpolitik, sondern um die Art und Weise der Darstellung und deren Wirkung im öffentlichen Raum.
Mit freundlichen Grüßen
Günther Klebinger
11.01.2026, Beschwerde an Rundfunktrat der ARD
Rundfunkrat der ARD
c/o ARD-Hauptstadtstudio
Wilhelmstraße 67a
10117 Berlin11.01.2026
Betreff: Programmbeschwerde gemäß Rundfunkstaatsvertrag
Sendung: „Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 08.12.2025
Sachverhalt: Inszenierung mit Stockbetten im Kontext von AsylpolitikSehr geehrte Damen und Herren des Rundfunkrats,
hiermit reiche ich eine Programmbeschwerde zur Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 8. Dezember 2025 ein und bitte den Rundfunkrat um eine Prüfung im Hinblick auf den öffentlich-rechtlichen Programmauftrag.
Gegenstand der Beschwerde ist ein Sendungssegment, in dem die Moderatorin Anna Planken auf einem Stockbett sitzt, das als „echtes Flüchtlingsbett aus Göttingen“ bezeichnet wird. In diesem Zusammenhang wird ausgeführt, diese Betten würden „nicht mehr gebraucht“, da die Zahl der Asylanträge zurückgegangen sei. Im weiteren Verlauf werden Teilnehmende der Sendung aufgefordert, mehrere auf der Bühne verteilte Stockbetten gemeinsam abzubauen und wegzutragen. Diese Handlung wird positiv kommentiert, unter anderem mit dem Hinweis, Turnhallen könnten nun wieder genutzt werden.
Ich halte diese Inszenierung für mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag unvereinbar.
Begründung:
- Verletzung der besonderen historischen Verantwortung
Die Bildsprache von Menschen in Stockbetten ist in Deutschland historisch hoch belastet und untrennbar mit der visuellen Überlieferung nationalsozialistischer Konzentrations- und Zwangslager verbunden. Diese Assoziation ist Teil des kollektiven Gedächtnisses und bedarf bei medialer Verwendung einer besonderen Sensibilität. Eine spielerische oder dramaturgische Nutzung solcher Bilder im Kontext politischer Debatten widerspricht dieser Verantwortung.- Missachtung der Menschenwürde durch symbolische Entleerung
In der konkreten Inszenierung werden Menschen vollständig aus dem Bild und aus der Sprache verdrängt. Übrig bleiben Betten als Objekte, deren Abbau als Erfolg dargestellt wird. Aussagen wie „die Betten werden nicht mehr gebraucht“ transportieren implizit, dass das Verschwinden von Menschen als positive Entwicklung zu bewerten sei. Diese Darstellung läuft dem verfassungsrechtlich verankerten Schutz der Menschenwürde sowie dem öffentlich-rechtlichen Selbstverständnis zuwider.- Suggestive Meinungsbildung statt ausgewogener Information
Der kollektive Abbau der Betten auf der Bühne, begleitet von Applaus und affirmativer Kommentierung, stellt eine symbolische Handlung dar, die emotional lenkend wirkt. Eine solche Dramaturgie überschreitet die Grenze zwischen journalistischer Einordnung und politischer Suggestion. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist jedoch zur sachlichen, differenzierten und nicht manipulativen Darstellung gesellschaftlicher Konflikte verpflichtet.- Gremienrelevanz und redaktionelle Verantwortung
Die gewählte Inszenierung ist nicht als individueller Fehlgriff zu verstehen, sondern als Ergebnis redaktioneller Planung und Freigabe. Gerade deshalb sehe ich den Rundfunkrat in seiner Aufsichtsfunktion gefordert, zu prüfen, wie es zu dieser Darstellung kommen konnte und welche Maßstäbe bei der Bewertung sensibler Bildsprache angelegt wurden.Ich bitte den Rundfunkrat daher um eine Stellungnahme insbesondere zu folgenden Punkten:
- Wie bewertet der Rundfunkrat die Verwendung historisch belasteter Bildsymbole in diesem Kontext?
- Sieht der Rundfunkrat hierin eine Verletzung des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags?
- Welche Konsequenzen werden gezogen, um vergleichbare Inszenierungen künftig zu vermeiden?
Es geht mir ausdrücklich nicht um die Unterbindung politischer Diskussionen zur Asylpolitik, sondern um die Art der Darstellung und deren Wirkung im öffentlichen Raum eines öffentlich-rechtlichen Mediums.
Mit freundlichen Grüßen
Günther Klebinger
18.02.2026, Antwort der Geschäftsstelle WDR-Rundfunkrat
Günther Klebinger
Würzburg18.02.2026
Ihr Schreiben vom 11. Januar 2026
Sehr geehrter Herr Klebinger,
vielen Dank für Ihren Brief vom 11.01.2026 an das ARD-Hauptstadtstudio, der an die Geschäftsstelle des WDR-Rundfunkrats weitergeleitet worden ist. Sie schreiben zu der Sendung „Die 100 – Was Deutschland bewegt“ vom 08.12.2025.
Die von Ihnen angesprochene Sendung wird vom NDR redaktionell verantwortet. Aus diesem Grund haben wir Ihre Nachricht an das zuständige Gremienbüro des NDR weitergeleitet. Sie werden von dort eine Antwort erhalten.
Freundliche Grüße
Geschäftsstelle WDR-Rundfunkrat
04.03.2026, Antwort der NDR Gremiengeschäftsstelle
Günther Klebinger
Würzburg04.03.2026
Ihre Zuschrift vom 11.01.2026 / Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt – Werden wir
gut regiert?“ vom 08.12.2025Sehr geehrter Herr Klebinger,
vielen Dank für Ihr Interesse am Programm des NDR und Ihre entsprechende Nachricht vom 11.01.2026, die uns zuständigkeitshalber vom WDR weitergeleitet worden ist.
Wir möchten jede Zuschrift sorgfältig prüfen. Bitte haben Sie deshalb Verständnis dafür, dass die Beantwortung Ihres Schreibens ggf. etwas Zeit in Anspruch nehmen kann.
Bitte geben Sie uns diese Zeit. Wir kommen dann unaufgefordert wieder auf Sie zu.
Mit freundlichen Grüßen
i.V. PE
ML
NDR Gremiengeschäftsstelle
07.04.2026, Antwort des Rundfunkrats
Günther Klebinger
Würzburg07.04.2026
Ihre Zuschrift vom 11.01.2026 / Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt – Werden wir gut regiert?“ vom 08.12.2025
Sehr geehrter Herr Klebinger,
vielen Dank für Ihr Schreiben vom 11. Januar 2026 an das ARD-Hauptstadtstudio, welches zuständigkeitshalber an den Rundfunkrat des NDR weitergeleitet wurde. Sie kritisieren die Sendung „Die 100 – werden wir gut regiert“ ausgestrahlt am 8. Dezember 2025 im Ersten.
Ich habe die verantwortliche Redaktion gebeten, Ihre Kritikpunkte zu prüfen und dazu Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahme finden Sie im Anhang zu meinem Schreiben.
Ich danke Ihnen für die kritische Begleitung des Programms, die zur Qualitätssicherung der Angebote beiträgt, und hoffe, dass das Schreiben der Redaktion Ihr Anliegen zufriedenstellend aufgreift. Sollten Sie weitere Fragen oder Anregungen haben, kommen Sie gerne wieder auf uns zu.
Mit freundlichen Grüßen
Cornelia Höltkemeier
Vorsitzende NDR Rundfunkrat
10.04.2026, Antwort an Cornelia Höltkemeier
Frau Cornelia Höltkemeier
Vorsitzende des NDR Rundfunkrats
NDR
Rothenbaumchaussee 132
20149 Hamburg10.04.2026
Ihre Antwort vom 07.04.2026 zur Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 08.12.2025, hier: Stellungnahme der Redaktion zur Inszenierung mit Stockbetten im Kontext von Asylpolitik
Sehr geehrte Frau Höltkemeier,
ich danke Ihnen für Ihr Schreiben vom 7. April 2026 und die beigefügte Stellungnahme der Redaktion. Beides habe ich sorgfältig gelesen. Leider muss ich feststellen, dass die Stellungnahme mein Anliegen weder inhaltlich aufgreift noch die Fragen beantwortet, die ich in meiner Beschwerde formuliert hatte. Ich möchte das im Einzelnen darlegen:
1. Meine Fragen blieben unbeantwortet
In meiner Beschwerde vom 11. Januar 2026 hatte ich den Rundfunkrat um Stellungnahme zu drei konkreten Punkten gebeten: Wie bewertet der Rundfunkrat die Verwendung historisch belasteter Bildsymbole in diesem Kontext? Sieht der Rundfunkrat hierin eine Verletzung des Programmauftrags? Und falls ja, welche Konsequenzen werden gezogen?
Auf keine dieser Fragen geht die Stellungnahme der Redaktion ein. Stattdessen erläutert sie ausführlich das Sendekonzept – ein Punkt, den ich zu keinem Zeitpunkt kritisiert habe. Ob „Die 100“ ein innovatives Format mit unterhaltenden Elementen ist, steht nicht in Frage. In Frage steht die konkrete Inszenierung.
2. Die historische Dimension wird nicht entkräftet, sondern umgangen
Die Redaktion argumentiert, Stockbetten seien „kein universelles Symbol der Nazizeit“, weil die im Studio verwendeten Betten sich „stark von den Betten der Nazizeit“ unterschieden, die oft „oft dreistöckige hölzerne Pritschen“ gewesen seien.
Das ist eine ästhetische Unterscheidung, die am Argument vorbeigeht. Meine Kritik bezog sich nicht auf die Bauform der Betten, sondern auf die Bildsprache: Menschen werden durch Objekte ersetzt, ihr Verschwinden wird als Fortschritt inszeniert, der kollektive Abbau wird mit Applaus begleitet. Diese Kombination ist das Problem – nicht die Frage, ob die Betten aus Holz oder Metall sind.
3. Die Stellungnahme bestätigt, was sie widerlegen soll
Der aufschlussreichste Teil der Stellungnahme findet sich im letzten Absatz. Die Redaktion schreibt, der Abbau der Betten sei „für viele Menschen tatsächlich eine positive Entwicklung“. Als Begründung führt sie an, Turnhallen könnten wieder für Sport genutzt werden und Umfragen zeigten, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung einen Rückgang der Geflüchtetenzahlen wünsche.
Damit wiederholt die Redaktion exakt die Logik, die ich kritisiert hatte: Menschen verschwinden aus der Erzählung. Übrig bleiben Betten, Turnhallen und Mehrheitsstimmung. Dass die Redaktion dies als Verteidigung anführt, belegt den Befund, statt ihn zu entkräften.
4. Zur Rolle des Rundfunkrats
Meine Beschwerde richtete sich an den Rundfunkrat als Aufsichtsgremium – nicht an die Redaktion. Ich hatte den Rundfunkrat gebeten zu prüfen, wie es zu dieser Inszenierung kommen konnte und welche Maßstäbe bei der Bewertung sensibler Bildsprache angelegt wurden.
Die Antwort besteht darin, dass die Redaktion, über deren Arbeit ich mich beschwert habe, eine Selbsteinschätzung vorlegt, die der Rundfunkrat ohne eigene Bewertung weiterleitet. Das ist kein Prüfverfahren. Es ist das Gegenteil davon.
Ich bitte Sie daher, meine Beschwerde einer eigenständigen Prüfung durch den Rundfunkrat zu unterziehen – unabhängig von der Einschätzung der betroffenen Redaktion.
Mit freundlichen Grüßen
Günther Klebinger
PS: In der Sendung stellte Frau Planken den Rückgang der Asylzahlen als politische Leistung der amtierenden Regierung dar. Ein Blick auf die BAMF-Statistik zeigt ein anderes Bild: Die Zahl der Asylerstanträge sank bereits 2024 um 30,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr — von 329.120 auf 229.751. Die Regierung Merz wurde am 14. Mai 2025 vereidigt. Der Trend, den die Redaktion als Ergebnis politischen Handelns („hat geliefert“) inszenierte, hatte also mindestens anderthalb Jahre vor dem Regierungswechsel eingesetzt. Auch das wäre eine journalistische Einordnung wert gewesen – die aber vielleicht dem Element der „Unterhaltung“ zuwidergelaufen wäre.
15.04.2026, Antwort von Frau Höltkemeier
Günther Klebinger
Würzburg15.04.2026
Ihre Beschwerde vom 11.01.2026 / Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt – Werden wir gut regiert?“ vom 08.12.2025
Sehr geehrter Herr Klebinger,
vielen Dank für Ihre aufmerksame Beobachtung des Programms und Ihre kritischen Anmerkungen dazu.
Ihre o. g. Beschwerde habe ich an den Programmausschuss des Rundfunkrates mit der Bitte um Beratung überwiesen.
Der Programmausschuss wird sich voraussichtlich in seiner Sitzung am 28.04.2026 mit Ihrem Anliegen befassen.
Die abschließende Beratung und Beschlussfassung im Rundfunkrat erfolgt voraussichtlich in der Sitzung am 08.05.2026.
Diese wird im Livestream übertragen auf:
https://www.ndr.de/der_ndr/unternehmen/rundfunkrat/index.html.Über das Ergebnis und die Beschlussfassung der Beratungen werde ich Sie anschließend gerne unterrichten.
Mit freundlichen Grüßen
Cornelia Höltkemeier
Vorsitzende NDR Rundfunkrat
11.01.2026, Rückmeldung an Redaktion
Redaktion „Die 100 – was Deutschland bewegt“
ARD-Hauptstadtstudio
Wilhelmstraße 67a
10117 Berlin11.01.2026
Betreff: Rückmeldung zur Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 08.12.2025
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich wende mich an Sie als Redaktion der Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ in Bezug auf die Ausgabe vom 8. Dezember 2025.
Ein konkretes Segment dieser Sendung hat mich erschüttert. Gemeint ist die Inszenierung, in der Moderatorin Anna Planken auf einem Stockbett sitzt, das als „echtes Flüchtlingsbett aus Göttingen“ bezeichnet wird, und in deren Verlauf mehrere Stockbetten auf der Bühne gemeinsam abgebaut und weggetragen werden. Dieser Vorgang wurde mit der Aussage verknüpft, die Betten würden „nicht mehr gebraucht“, da die Zahl der Asylanträge zurückgegangen sei.
Mich hat diese Darstellung aus zwei Gründen tief irritiert:
Zum einen ist die Bildsprache von Stockbetten in Deutschland historisch hoch belastet. Sie ist untrennbar mit der visuellen Erinnerung an nationalsozialistische Lager verbunden. Unabhängig von der beabsichtigten Aussage erzeugt eine solche Inszenierung zwangsläufig Assoziationen, die in einem öffentlich-rechtlichen Format mit politischem Anspruch besonders sorgfältig reflektiert werden müssten.
Zum anderen empfand ich die Reduktion eines hochkomplexen und menschenbezogenen Themas auf das „Nicht-mehr-Gebrauchtwerden“ von Betten als problematisch. In der Darstellung verschwinden Menschen vollständig aus der Erzählung. Übrig bleibt eine symbolische Handlung, in der Abbau, Entlastung und Applaus dominieren. Das wirkte auf mich weniger wie journalistische Einordnung als wie eine szenische Bewertung.
Mir ist bewusst, dass journalistische Formate mit Bildern und Dramaturgie arbeiten. Gerade deshalb halte ich es für notwendig, kritisch zu hinterfragen, welche Bilder gewählt werden und welche Wirkung sie entfalten können – insbesondere in einem gesellschaftlich so sensiblen Kontext.
Ich würde mir wünschen, dass die Redaktion diese Inszenierung noch einmal reflektiert und öffentlich einordnet.
Mit freundlichen Grüßen
Günther Klebinger
31.03.2026, Stellungnahme der Redaktion
Stellungnahme der Redaktion „Die 100 – was Deutschland bewegt“ zur Zuschrift von Herrn Günther Klebinger vom 11. Januar 2025 zur Sendung „Die 100: Werden wir gut regiert?“ am 8. Dezember 2025 im Ersten
In seiner Zuschrift vom 11. Januar 2026 nimmt Herr Klebinger Bezug auf die Sendung „Die 100: werden wir gut regiert?“, die am 8. Dezember 2025 Im Ersten ausgestrahlt wurde. Er kritisiert, dass Journalistin Anna Planken darin auf einem Stockbett sitze, das als „echtes Flüchtlingsbett aus Göttingen“ bezeichnet werde. Herr Klebinger sieht hier eine Verletzung der besonderen historischen Verantwortung, weil Stockbetten aus seiner Sicht „untrennbar mit der visuellen Überlieferung nationalsozialistischer Konzentrations- und Zwangslager verbunden“ seien. Aussagen wie „Die Betten werden nicht mehr gebraucht“ transportierten implizit, dass Verschwinden von Menschen als positive Entwicklung zu bewerten sei. Diese Darstellung laufe dem verfassungsrechtlich verankerten Schutz der Menschenwürde zuwider. Der kollektive Abbau der Betten sei zudem eine symbolische Handlung, die emotional lenkend wirke. Eine solche Dramaturgie überschreite die Grenze zwischen journalistischer Einordnung und politischer Suggestion. Die gewählte Inszenierung sei individueller Fehlgriff zu verstehen, sondern als Ergebnis redaktioneller Planung und Freigabe. Daher bittet er den NDR Rundfunkrat, zu prüfen, wie es zu dieser Darstellung kommen konnte.
Die Redaktion „Die 100 – was Deutschland bewegt“ nimmt dazu wie folgt Stellung:
„Die 100 – was Deutschland bewegt“ ist ein Innovatives ARD-Format, das darauf abzielt, die Meinungsvielfalt innerhalb der Gesellschaft abzubilden. 100 Bürgerinnen und Bürger diskutieren dabei offen über zentrale gesellschaftliche Fragen. In jeder Folge geht es um ein kontroverses Thema. Zwei Journalisten tragen Pro- und Contra-Argumente dazu vor und die 100 Teilnehmenden im Studio sind aufgefordert, Stellung zu beziehen. In der Ausgestaltung unterscheidet sich das Format bewusst von klassischen politischen Magazinen, etwa durch einzelne unterhaltsame Elemente und eine einfache, direkte Ansprache. Ziel ist es, auch Zuschauerinnen und Zuschauer zu erreichen, die sich von traditionellen politischen Formaten weniger angesprochen fühlen.
Informationsauftrag bedeutet für uns nicht, politische Inhalte ausschließlich in analytischer oder akademischer Form zu vermitteln. Vielmehr gehört es zum demokratischen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, unterschiedliche Zugänge zu politischer Meinungsbildung zu ermöglichen. Gleichzeitig bleibt der journalistische Anspruch selbstverständlich gewahrt: Alle vorgetragenen Fakten sind sorgfältig recherchiert und geprüft, und wir achten auf eine Ausgewogenheit beider Sichtweisen. Die unterhaltenden Elemente der Sendung unterstützen die Position der jeweiligen Standpunkte und stehen nicht im Widerspruch zum informativen Charakter der Sendung. Es gehört ebenfalls zum Konzept der Sendung, dass einzelne O-Töne, Fakten oder Elemente auch emotional berühren dürfen. Auch hier achten wir auf Ausgewogenheit.
Es ist uns wichtig, dass wir bei der Auswahl der Inszenierungen behutsam vorgehen. Insbesondere mit Blick auf unsere nationalsozialistische Vergangenheit gehen wir sensibel mit Bildern und Symbolen um, die in diesem Kontext eine Rolle spielen könnten. In der angesprochenen Szene hat Journalistin Anna Planken beim Aspekt „Migrationspolitik“ erklärt, dass die Regierung ein zentrales Wahlversprechen teilweise eingehalten hat: die Zahl der Menschen, die nach Deutschland kommen, ist gesunken. Sie hat erklärt, was das für viele Kommunen In Deutschland bedeutet: Betten für Geflüchtete, die teilweise in Turnhallen oder anderen kommunalen Einrichtungen aufgebaut waren, konnten abgebaut werden. Eingespielt wurden zusätzlich O-Töne von Trainern, die sich freuen, dass sie mit Kindern wieder Sport machen können.
Es ist zweifelsfrei richtig, dass Stockbetten in Konzentrationslagern, Zwangsarbeiterlagern sowie Kriegsgefangenenlagern während der Nazizeit eingesetzt worden sind. In derartigen Betten wurden oft mehrere Menschen zusammengepfercht, denen großes Leid zugefügt wurde. Dennoch sind Stockbetten aus unserer Sicht kein universelles Symbol der Nazizeit oder gar „untrennbar mit der visuellen Überlieferung nationalistischer Konzentrations- und Zwangslager verbunden“, wie Herr Klebinger schreibt. Die Stockbetten, die wir im Studio aufgebaut haben, unterscheiden sich zudem stark von den Betten der Nazizeit, die oft dreistöckige hölzerne Pritschen waren.
Viele Menschen mit Fluchthintergrund verbinden mit den Stockbetten, die wir aufgebaut haben, ihr erstes Ankommen In Deutschland. Kommunen mussten oft Turnhallen oder Gemeindezentren nutzen, um genügend solcher Betten aufzustellen. Der Abbau dieser Betten ist für viele Menschen tatsächlich eine positive Entwicklung. In erster Linie deswegen, weil die Turnhallen wieder für Sport genutzt werden können. Viele Menschen in Deutschland wünschen sich aber auch unabhängig davon einen Rückgang der Geflüchtetenzahlen. Darauf gehen wir in diesem Argument ein. Ein Überschreiten der Grenzen zwischen journalistischer Einordnung und politischer Suggestion können wir nicht erkennen. Im Gegenteil, Anna Planken hat sachlich vorgetragen, dass Umfragen zufolge sich ein großer Teil der Bevölkerung einen Rückgang der Geflüchtetenzahlen wünsche und deswegen die Tatsache, dass weniger Menschen kommen, für viele Im Land positiv sei.
Einen Verstoß gegen den öffentlich-rechtlichen Auftrag können wir nicht erkennen.
CC
Stellvertretende Leiterin des Programmbereichs Gesellschaft
27.05.2026, Ergebnis des Rundfunkrates
Ihre Programmbeschwerde vom 11.01.2026 und weiteres Schreiben vom 10.04.2026 zur Sendung „Die 100 – Was Deutschland bewegt: Wird Deutschland gut regiert?“ vom 08.12.2025 um 21.15 Uhr im Ersten
Sehr geehrter Herr Klebinger,
mit der oben genannten Programmbeschwerde haben Sie sich an den Rundfunkrat des Norddeutschen Rundfunks gewandt.
Der Rundfunkrat hat sich in seiner Sitzung am 08.05.2026 mit Ihrer Beschwerde befasst. Dem vorangegangen war eine ausführliche Beratung im Programmausschuss am 28.04.2026.
Nach intensiver Diskussion und sorgfältiger Prüfung des Sachverhalts konnte der Rundfunkrat keinen Verstoß gegen die Programmgrundsätze und die Anforderungen an die Programmgestaltung des NDR feststellen.
Er stellt allerdings fest, dass durch die vermeintlich unterhaltenden Elemente wie La-Ola-Wellen oder gemeinsames Nachsprechen Zuschauer*innen sich nicht ernst genommen gefühlt haben. Die Redaktion sollte derartige Irritationen zukünftig vermeiden.
Wir bitten um Verständnis, dass die Angelegenheit für den Rundfunkrat damit abgeschlossen ist. Wir danken Ihnen für die kritische Begleitung des Programms, die zur Qualitätssicherung der Angebote beiträgt.Gerne möchten wir Sie auf die Veröffentlichung der Beratungsergebnisse der Ausschüsse auf der Website des NDR hinweisen:
Mit freundlichen Grüßen
Cornelia Höltkemeier
Vorsitzende NDR Rundfunkrat



