Stockbetten im Lager

In der ARD-Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 8. Dezember 2025 wurde die Entwicklung der Asylzahlen nicht nur anhand von Statistiken, sondern auch szenisch dargestellt. Moderatorin Anna Planken saß dabei auf einem Stockbett, weitere Betten waren auf der Bühne verteilt. Im Verlauf des Beitrags wurde erläutert, dass die Zahl der Asylanträge zurückgegangen sei. Als visuelles Symbol für diese Entwicklung wurden die Stockbetten von Teilnehmenden der Sendung abgebaut und von der Bühne getragen.

Stockbetten im Lager
Quelle: Sora

Empfänger: Programmdirektion

ARD-Programmdirektion, z. Hd. Programmbeschwerde
Degeto Film GmbH / ARD-Programmdirektion
ARD-Hauptstadtstudio
Wilhelmstraße 67a
10117 Berlin

11.01.2026

Programmbeschwerde zur Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 08.12.2025; hier: Inszenierung mit Stockbetten im Kontext von Asylpolitik

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit reiche ich eine Programmbeschwerde zur oben genannten Ausgabe der Sendung
„Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 8. Dezember 2025 ein.

Gegenstand der Beschwerde ist ein Sendungssegment, in dem die Moderatorin Anna Planken auf einem Stockbett sitzt, das laut eigener Darstellung ein „echtes Flüchtlingsbett aus Göttingen“ sei. In diesem Zusammenhang wurde ausgeführt, die Betten würden „nicht mehr gebraucht“, da die Zahl der Asylanträge zurückgegangen sei. Im weiteren Verlauf wurden die Teilnehmenden der Sendung aufgefordert, die auf der Bühne verteilten Betten gemeinsam abzubauen und wegzutragen. Diese Handlung wurde kommentiert mit Aussagen wie, dass in immer mehr Gemeinden Betten abgebaut würden, Menschenunterkünfte nicht mehr benötigt seien und Turnhallen wieder frei würden.

Ich halte diese Inszenierung für hochproblematisch und mit dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag nicht vereinbar.

Begründung:

  1. Historisch hoch belastete Bildsprache
    Die Darstellung von Menschen in Stockbetten ist in Deutschland historisch untrennbar mit der Bildwelt nationalsozialistischer Konzentrations- und Zwangslager verbunden. Diese Assoziation ist Teil des kollektiven kulturellen Gedächtnisses und kann nicht als subjektive Überinterpretation abgetan werden. Eine solche Bildsprache ist daher nicht neutral und erfordert höchste Sensibilität.
  2. Entmenschlichende Darstellung durch Inszenierung
    In dem beschriebenen Segment werden Menschen faktisch aus der Erzählung entfernt. Stattdessen stehen Betten als Requisiten im Mittelpunkt. Aussagen wie „die Betten werden nicht mehr gebraucht“ oder „sie können abgebaut werden“ suggerieren implizit das Verschwinden von Menschen als positiven Zustand. Migration und Asylpolitik werden so auf logistische Entlastung und räumliches Aufräumen reduziert. Eine solche Darstellung widerspricht dem Gebot der Wahrung der Menschenwürde.
  3. Suggestive Dramaturgie statt sachlicher Einordnung
    Der Abbau der Betten als kollektive Handlung auf der Bühne, begleitet von Applaus und positiven Kommentaren, stellt keine sachliche journalistische Einordnung dar, sondern eine theatralische Zuspitzung. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist jedoch zu Sachlichkeit, Ausgewogenheit und Zurückhaltung in der Darstellung politischer Themen verpflichtet. Die gewählte Inszenierung überschreitet diese Grenze deutlich.
  4. Verletzung des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags
    Der Programmauftrag umfasst insbesondere die Achtung der Menschenwürde, die Vermeidung von Diskriminierung sowie eine verantwortungsvolle Darstellung gesellschaftlich sensibler Themen. Die hier gewählte Bildsprache und Dramaturgie werden diesem Anspruch aus meiner Sicht nicht gerecht.

Ich bitte daher um eine formelle Prüfung dieser Sendung und um eine Stellungnahme dazu,

  • wie diese Inszenierung redaktionell verantwortet wurde,
  • ob die historische Bedeutung der verwendeten Bildsprache berücksichtigt wurde,
  • und wie künftig sichergestellt werden soll, dass vergleichbare Darstellungen vermieden werden.

Es geht mir ausdrücklich nicht um die Unterdrückung politischer Debatten oder statistischer Einordnungen zur Asylpolitik, sondern um die Art und Weise der Darstellung und deren Wirkung im öffentlichen Raum.

Mit freundlichen Grüßen

Günther Klebinger

Empfänger: Rundfunkrat

Rundfunkrat der ARD
c/o ARD-Hauptstadtstudio
Wilhelmstraße 67a
10117 Berlin

11.01.2026

Betreff: Programmbeschwerde gemäß Rundfunkstaatsvertrag
Sendung: „Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 08.12.2025
Sachverhalt: Inszenierung mit Stockbetten im Kontext von Asylpolitik

Sehr geehrte Damen und Herren des Rundfunkrats,

hiermit reiche ich eine Programmbeschwerde zur Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 8. Dezember 2025 ein und bitte den Rundfunkrat um eine Prüfung im Hinblick auf den öffentlich-rechtlichen Programmauftrag.

Gegenstand der Beschwerde ist ein Sendungssegment, in dem die Moderatorin Anna Planken auf einem Stockbett sitzt, das als „echtes Flüchtlingsbett aus Göttingen“ bezeichnet wird. In diesem Zusammenhang wird ausgeführt, diese Betten würden „nicht mehr gebraucht“, da die Zahl der Asylanträge zurückgegangen sei. Im weiteren Verlauf werden Teilnehmende der Sendung aufgefordert, mehrere auf der Bühne verteilte Stockbetten gemeinsam abzubauen und wegzutragen. Diese Handlung wird positiv kommentiert, unter anderem mit dem Hinweis, Turnhallen könnten nun wieder genutzt werden.

Ich halte diese Inszenierung für mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag unvereinbar.

Begründung:

  1. Verletzung der besonderen historischen Verantwortung
    Die Bildsprache von Menschen in Stockbetten ist in Deutschland historisch hoch belastet und untrennbar mit der visuellen Überlieferung nationalsozialistischer Konzentrations- und Zwangslager verbunden. Diese Assoziation ist Teil des kollektiven Gedächtnisses und bedarf bei medialer Verwendung einer besonderen Sensibilität. Eine spielerische oder dramaturgische Nutzung solcher Bilder im Kontext politischer Debatten widerspricht dieser Verantwortung.
  2. Missachtung der Menschenwürde durch symbolische Entleerung
    In der konkreten Inszenierung werden Menschen vollständig aus dem Bild und aus der Sprache verdrängt. Übrig bleiben Betten als Objekte, deren Abbau als Erfolg dargestellt wird. Aussagen wie „die Betten werden nicht mehr gebraucht“ transportieren implizit, dass das Verschwinden von Menschen als positive Entwicklung zu bewerten sei. Diese Darstellung läuft dem verfassungsrechtlich verankerten Schutz der Menschenwürde sowie dem öffentlich-rechtlichen Selbstverständnis zuwider.
  3. Suggestive Meinungsbildung statt ausgewogener Information
    Der kollektive Abbau der Betten auf der Bühne, begleitet von Applaus und affirmativer Kommentierung, stellt eine symbolische Handlung dar, die emotional lenkend wirkt. Eine solche Dramaturgie überschreitet die Grenze zwischen journalistischer Einordnung und politischer Suggestion. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist jedoch zur sachlichen, differenzierten und nicht manipulativen Darstellung gesellschaftlicher Konflikte verpflichtet.
  4. Gremienrelevanz und redaktionelle Verantwortung
    Die gewählte Inszenierung ist nicht als individueller Fehlgriff zu verstehen, sondern als Ergebnis redaktioneller Planung und Freigabe. Gerade deshalb sehe ich den Rundfunkrat in seiner Aufsichtsfunktion gefordert, zu prüfen, wie es zu dieser Darstellung kommen konnte und welche Maßstäbe bei der Bewertung sensibler Bildsprache angelegt wurden.

Ich bitte den Rundfunkrat daher um eine Stellungnahme insbesondere zu folgenden Punkten:

  • Wie bewertet der Rundfunkrat die Verwendung historisch belasteter Bildsymbole in diesem Kontext?
  • Sieht der Rundfunkrat hierin eine Verletzung des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags?
  • Welche Konsequenzen werden gezogen, um vergleichbare Inszenierungen künftig zu vermeiden?

Es geht mir ausdrücklich nicht um die Unterbindung politischer Diskussionen zur Asylpolitik, sondern um die Art der Darstellung und deren Wirkung im öffentlichen Raum eines öffentlich-rechtlichen Mediums.

Mit freundlichen Grüßen

Günther Klebinger

Empfänger: Redaktion

Redaktion „Die 100 – was Deutschland bewegt“
ARD-Hauptstadtstudio
Wilhelmstraße 67a
10117 Berlin

11.01.2026

Betreff: Rückmeldung zur Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ vom 08.12.2025

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich wende mich an Sie als Redaktion der Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ in Bezug auf die Ausgabe vom 8. Dezember 2025.

Ein konkretes Segment dieser Sendung hat mich erschüttert. Gemeint ist die Inszenierung, in der Moderatorin Anna Planken auf einem Stockbett sitzt, das als „echtes Flüchtlingsbett aus Göttingen“ bezeichnet wird, und in deren Verlauf mehrere Stockbetten auf der Bühne gemeinsam abgebaut und weggetragen werden. Dieser Vorgang wurde mit der Aussage verknüpft, die Betten würden „nicht mehr gebraucht“, da die Zahl der Asylanträge zurückgegangen sei.

Mich hat diese Darstellung aus zwei Gründen tief irritiert:

Zum einen ist die Bildsprache von Stockbetten in Deutschland historisch hoch belastet. Sie ist untrennbar mit der visuellen Erinnerung an nationalsozialistische Lager verbunden. Unabhängig von der beabsichtigten Aussage erzeugt eine solche Inszenierung zwangsläufig Assoziationen, die in einem öffentlich-rechtlichen Format mit politischem Anspruch besonders sorgfältig reflektiert werden müssten.

Zum anderen empfand ich die Reduktion eines hochkomplexen und menschenbezogenen Themas auf das „Nicht-mehr-Gebrauchtwerden“ von Betten als problematisch. In der Darstellung verschwinden Menschen vollständig aus der Erzählung. Übrig bleibt eine symbolische Handlung, in der Abbau, Entlastung und Applaus dominieren. Das wirkte auf mich weniger wie journalistische Einordnung als wie eine szenische Bewertung.

Mir ist bewusst, dass journalistische Formate mit Bildern und Dramaturgie arbeiten. Gerade deshalb halte ich es für notwendig, kritisch zu hinterfragen, welche Bilder gewählt werden und welche Wirkung sie entfalten können – insbesondere in einem gesellschaftlich so sensiblen Kontext.

Ich würde mir wünschen, dass die Redaktion diese Inszenierung noch einmal reflektiert und öffentlich einordnet.

Mit freundlichen Grüßen

Günther Klebinger

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