Selbstbewusste Serviettenskizze

Zacharias Zacharakis von der ZEIT weiß, wie man die Wohnungskrise löst: Bestandsmieten rauf, Wohngeld rauf, der Markt regelt den Rest. Ein in sich schlüssiges Konzept – hätte der Autor nicht eine Kleinigkeit übersehen: die Realität. Ein Brief an die Chefredaktion.

Selbstbewusste Serviettenskizze
Quelle: Nano Banana

18.03.2026, an die Chefredaktion der ZEIT

An die Chefredaktion der ZEIT
Giovanni di Lorenzo, Jochen Wegner
Buceriusstraße 1
20095 Hamburg

18.03.2026

Betreff: Kommentar „Die Mieten müssen steigen“ von Zacharias Zacharakis, 14.03.2026

Sehr geehrter Herr di Lorenzo, sehr geehrter Herr Wegner,

am 14. März erschien auf ZEIT Online ein Kommentar von Zacharias Zacharakis unter der Überschrift „Die Mieten müssen steigen“. Die These: Bestandsmieten freigeben, oben deckeln — und der Wohnungsmarkt heilt sich selbst. Das klingt nach Lösung. Das klingt sogar nach Mut. Bei näherer Betrachtung klingt es vor allem nach jemandem, der seinen eigenen Mietvertrag noch nie als existenzielle Frage betrachten musste.

1. Die unsichtbaren 3,5 Millionen.

Laut Statistischem Bundesamt lag die Armutsgefährdungsquote bei über 65-Jährigen 2024 bei 19,4 Prozent. Knapp 3,5 Millionen Menschen. Für viele von ihnen ist ein alter, günstiger Mietvertrag kein Privileg. Er ist das Einzige, was zwischen ihnen und dem Sozialamt steht.

Im Kommentar kommen diese Menschen nicht vor. Dort leben Ehepaare auf 130 Quadratmetern und gutverdienende Zahnärztinnen in Altverträgen. Eine hübsche Auswahl. Wer sie für repräsentativ hält, hat entweder nicht recherchiert oder bewusst weggelassen, was nicht zur These passt. Beides wäre für die ZEIT bemerkenswert.

2. Wohnen ist kein Weizen.

Das Konzept setzt voraus, dass freiwerdende Wohnungen dort frei werden, wo die Nachfrage ist. In Hamburg, München, Köln. Nur: Eine Rentnerin, die ihre Hamburger Wohnung räumt, wird in Hamburg keine kleinere, bezahlbare Wohnung finden. Der Kommentar belegt es selbst: 20 Euro pro Quadratmeter bei Neuvermietung. Das ist kein Anreiz zum Umziehen. Das ist ein Anreiz zum Verzweifeln.

Und die junge Familie, die laut Zacharakis profitieren soll? Auch sie zieht nicht einfach dorthin, wo zufällig etwas frei wird. Ihr Arbeitsplatz zieht nicht mit. Die Kita nicht. Die Schule nicht. Die Freunde der Kinder nicht. Der Lebensmittelpunkt eines Menschen ist mehr als seine Postleitzahl. Aber das erfährt man vermutlich erst, wenn man den engen Elfenbeinturm der Wohnungsmarkttheorie gelegentlich verlässt.

3. Steuergeld für Vermieter — als Sozialpolitik verpackt.

Der Kommentar schlägt vor, entstehende Härten durch ausgeweitetes Wohngeld abzufedern. Finanziert durch eine Steuer für Vermieter, die ja mehr verdienen würden. Klingt nach geschlossenem Kreislauf. Ist es nicht.

Der Vermieter erhöht die Miete. Der Staat zahlt der Rentnerin einen Teil (!) als Wohngeld. Das Geld dafür kommt von Steuerzahlenden. Im Ergebnis fließt öffentliches Geld an Eigentümer, die ihre Einnahmen dank der Bestandsmieten-Freigabe ohnehin steigern. Das ist keine Lösung der Wohnungskrise. Das ist eine staatlich finanzierte Renditesteigerung für Vermieter. Man könnte auch sagen: Umverteilung von unten nach oben, sozialpolitisch angestrichen.

Wie hoch die Steuer sein soll, wie viele Menschen Wohngeld bräuchten, was das kosten würde — dazu findet sich im Kommentar keine einzige Zahl. Ein Konzept ohne Gegenfinanzierung ist kein Konzept. Es ist eine sehr selbstbewusst präsentierte Serviettenskizze.

Der Kommentar endet mit dem Rat, „alte Glaubenssätze aufzugeben“. Mir gefällt er, trifft er doch auch auf den Glaubenssatz zu, der Markt werde es schon richten, wenn man ihn nur lässt.

Ich würde mich über eine inhaltliche Stellungnahme freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Günther Klebinger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert