Katherina Reiche ist seit Mai 2025 Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. In weniger als einem Jahr hat sie die Einspeisevergütung für Solaranlagen zur Disposition gestellt, das Heizungsgesetz rückabgewickelt und damit fossile Abhängigkeiten vertieft — um wenige Tage später recht tatenlos zuzusehen, wie der Iran-Krieg den Öl- und Gaspreis verdoppelt. Eine Chronologie.
Die Timeline
2009–2013: Staatssekretärin im Umweltministerium — der Altmaier-Reiche-Knick
2009 wird Katherina Reiche Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, zunächst unter Norbert Röttgen, ab 2012 unter Peter Altmaier. Sie ist 36 Jahre alt und hat bereits eine steile Karriere hinter sich: mit 25 in den Bundestag, stellvertretende Fraktionsvorsitzende mit 32.
Im Ministerium wird sie zur Architektin einer EEG-Reform, die in die Energiegeschichte eingehen wird — als Zerstörungswerk. Der jährliche Photovoltaik-Zubau in Deutschland liegt 2011 bei 7,5 Gigawatt. Das ist dreimal so viel, wie die Bundesregierung in ihrem Energiekonzept vorgesehen hat. Deutsche Unternehmen dominieren den Weltmarkt. Über 100.000 Menschen arbeiten in der Solarbranche.
Altmaier hält das für ein Problem. Reiche verteidigt die anstehende Kürzung der Einspeisevergütung im Bundestag. Die Reform kommt. Der jährliche PV-Zubau bricht auf unter zwei Gigawatt ein. Das ist der „Altmaier-Knick“ — der korrekter „Altmaier-Reiche-Knick“ heißen müsste, wie das Fachmagazin heise online später anmerkt.
Die Folgen sind verheerend. Über 100.000 Arbeitsplätze in der Solarbranche gehen verloren. Ehemals weltführende deutsche PV-Produzenten melden Insolvenz an. Die Produktion wandert nach China. Ein Vorsprung, den Deutschland nie wieder einholen wird.
Altmaier fasst seinen Erfolg im September 2012 vor dem Bundestag zusammen: Man habe den Ausbau gebremst, die Wirkung kenne man noch nicht. Er klingt zufrieden.
2013–2015: Verkehrsministerium — kurze Zwischenstation
Nach der Bundestagswahl 2013 wechselt Reiche als Parlamentarische Staatssekretärin ins Verkehrsministerium unter Alexander Dobrindt. Schon im Umweltministerium hatte sie als EU-Verhandlerin die CO₂-Grenzwerte für PKW bekämpft und das freimütig als „Industriepolitik zu Lasten Deutschlands“ bezeichnet. Im Verkehrsministerium setzt sie diese Linie fort.
Die Zwischenstation dauert zwei Jahre.
Der Ausbau der Erneuerbaren Energien muss sich viel stärker am Ausbau des Stromnetzes orientieren.
Bild, 19.07.2025
September 2015: Seitenwechsel — fliegend
Am 4. September 2015 legt Katherina Reiche ihr Bundestagsmandat nieder, im selben Monat wird sie Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU).
Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Nur knapp drei Wochen nach der Mandatsniederlegung verabschiedet das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf, der Sperrfristen von bis zu 18 Monaten für ausscheidende Regierungsmitglieder vorsieht. Reiche ist von der Regelung nicht mehr betroffen. Sie wird im Monat der Karenzzeit-Verabschiedung Lobbyistin.
LobbyControl kritisiert den „nahezu fliegenden Wechsel“. Reiche rechtfertigt sich auf Facebook: Sie habe sich schon immer für Energie, Klima und Daseinsvorsorge interessiert.
2015–2019: VKU — erste Station in der Energiewirtschaft
Der VKU vertritt die Interessen von rund 1.500 kommunalen Unternehmen — Stadtwerke, Wasserversorger, Abfallentsorger. Viele davon betreiben Gaskraftwerke und Gasnetze. Reiche sammelt hier vier Jahre lang die Kontakte und die Branchenkenntnis, die ihre spätere Karriere prägen werden.
2020–2025: Westenergie — im Herzen der fossilen Wertschöpfungskette
Anfang 2020 wird Reiche Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, einer Tochtergesellschaft des Energiekonzerns E.ON. Westenergie betreibt rund 37.000 Kilometer Erdgasnetz in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Der Umsatz steigt unter Reiches Leitung von 5,9 Milliarden Euro auf über sieben Milliarden.
Parallel übernimmt sie im Juni 2020 den Vorsitz des Nationalen Wasserstoffrates. Wasserstoff ist zu diesem Zeitpunkt die Lieblingserzählung der fossilen Branche: Man brauche ja eine Brückentechnologie. Und die Brücke besteht natürlich aus Gaskraftwerken, die irgendwann — 2040, 2045, vielleicht später — auf Wasserstoff umgestellt werden. Irgendwann eben.
Als Russland 2022 die Ukraine überfällt und kein Gas mehr strömt, trifft das Westenergie direkt. Reiche spricht davon, dass man den russischen Lieferanten „vertraut“ habe. Eine Lektion in Sachen fossiler Abhängigkeit. Welche Schlüsse sie daraus gezogen hat, zeigt ihre nächste Station.
Mai 2025: Amtsantritt — „Versorgungssicherheit first“
Am 6. Mai 2025 wird Katherina Reiche als Bundesministerin für Wirtschaft und Energie vereidigt. Der Wechsel von der Vorstandsetage eines fossilen Energieversorgers ins Ministerium erfolgt ohne Karenzzeit. LobbyControl spricht von der „Energieunternehmerin zur Energieministerin“. Es ist das zweite Mal in Reiches Karriere, dass ein solcher Wechsel Kritik auslöst. Das erste Mal hat sie augenscheinlich nicht gestört.
Ihre Antrittsrede hält Reiche im Ludwig-Erhard-Saal des Ministeriums. Robert Habeck, ihr Vorgänger, war von der Union als „schlechtester Wirtschaftsminister aller Zeiten“ beschimpft worden, als „hilfloser Kinderbuchautor“. Reiche sagt „Dr. Habeck“ und spricht Anerkennung aus. Es ist das letzte Mal, dass sie diplomatisch sein wird.
Wenige Tage später, beim Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee, gibt Reiche die Marschrichtung vor: „Mindestens 20 Gigawatt Gaskraftwerke“, und zwar „ganz schnell“. Habeck habe den Klimaschutz „fast überbetont“. Jetzt sei es Zeit für einen „Realitätscheck“ — in der Praxis bedeutet das: fossiles Rollback.
Es muss Schluss sein mit dem Zwang zur Wärmepumpe.
WELT, 16.05.2025
Sommer 2025: „Wärmepumpenzwang“ — Kampfbegriff ohne Grundlage
Im Handelsblatt spricht Reiche von einem „Zwang zur Wärmepumpe“, den das Gebäudeenergiegesetz (GEG) ihrer Vorgängerregierung angeblich erzeugt habe. Die Behauptung ist sachlich falsch. Das GEG schrieb keine Technologie vor, sondern einen Anteil erneuerbarer Energien von 65 Prozent bei neuen Heizungen — erfüllbar auch mit Fernwärme, Hybridheizungen, Biomasseheizungen oder H₂-ready-Gasheizungen.
Aber „Wärmepumpenzwang“ ist wirksamer als „65-Prozent-Erneuerbare-Energien-Regel“. Die Ankündigung steht: Das Heizungsgesetz wird rückabgewickelt.
Sommer 2025: Tag der Industrie — Klimaziele sind verhandelbar
Beim „Tag der Industrie“ des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) legt Reiche nach. Deutschland habe ein „völlig überzogenes Erneuerbaren-Ziel“ und viel zu hohe Netzentgelte. Die gesetzlich fixierte Klimaneutralität bis 2045 stellt sie öffentlich zur Disposition: Das Pariser Klimaabkommen fordere nur 2050. „Ich weiß nicht, ob sich das jemand wirklich durchgerechnet hat.“
Es ist die erste öffentliche Infragestellung der deutschen Klimaziele durch eine amtierende Bundesministerin.
Sommer/Herbst 2025: Angriff auf die Solarförderung — der Reiche-Rutsch
In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen kündigt Reiche an, die fixe Einspeisevergütung für neue Solaranlagen streichen zu wollen. Kleine PV-Anlagen rechneten sich im Markt, eine Förderung sei nicht mehr nötig.
Was Reiche nicht erwähnt: Die Einspeisevergütung hat die gesamte Energiewende überhaupt erst ermöglicht. Der massive deutsche Ausbau bis 2012 hat die globale Nachfrage hochgetrieben und die Modulpreise gesenkt. Dann kam die EEG-Reform — mitverantwortet von Reiche. Die Produktion wanderte nach China. Die Preise fielen weiter. Deutschland hatte die Entwicklungsarbeit bezahlt, andere ernteten.
Fachmedien sprechen vom „Reiche-Rutsch“ nach dem „Altmaier-Knick“. Es ist dieselbe Handschrift, zwölf Jahre später. Nur dass Reiche diesmal die Unterschrift selbst leisten darf.
Herbst 2025: EWI-Studie — der Bock als Gärtner
Reiche beauftragt das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) mit einer Studie, die die Datengrundlage des Erneuerbaren-Ausbaus überprüfen soll. Ein Monitoringbericht, der klären soll, ob Deutschland vielleicht zu viel Solarstrom und Windstrom produziert.
Im Beirat des EWI-Fördervereins sitzen Vertreter von E.ON — und von Westenergie, Reiches ehemaligem Arbeitgeber. Das EWI hatte schon 2010 den Solarausbau mit einer Prognose begleitet, die den tatsächlichen Zubau um das 41-Fache unterschätzte. Eine Fehleinschätzung, die Altmaier und Reiche damals als Grundlage für ihre EEG-Reform nutzten.
Jetzt bekommt dasselbe Institut denselben Auftrag. Von derselben Person.
November 2025: Kraftwerksstrategie — die fossile Agenda, gestutzt
Reiche will „mindestens 20 Gigawatt“ neue Gaskraftwerke ausschreiben. Das ist mehr, als selbst die Bundesnetzagentur für nötig hält. Eine Studie der Klima-Union, nicht gerade ein grüner Aktivistenverein, kommt zu dem Schluss: 20 GW sind deutlich mehr, als zur Versorgungssicherheit gebraucht wird.
Die SPD bremst. Am 14. November 2025 einigt sich die Koalition auf 8 GW statt 20. Die Deutsche Umwelthilfe nennt es eine „schwere Schlappe“ für Reiche und spricht von einer „entlarvten fossilen Agenda“: Reiche habe mit realitätsfernen Vorschlägen den Wünschen der Gaslobby gerecht werden wollen.
Reiche lässt sich nicht beirren. In späteren Ausschreibungsrunden sollen weitere 4 GW an Kapazitäten folgen, insgesamt also 12 GW. Das sind weniger als 20, aber Studien — etwa von Frontier Economics im Auftrag des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW — bezweifeln, dass deutlich mehr als 5 bis 10 GW an Gaskraftwerken nötig sind. Der Rest ließe sich durch Speicher, Flexibilitäten und dezentrale Versorgung ersetzen. Günstiger und ohne fossile Pfadabhängigkeit.
Profiteure sind unter anderem RWE und E.ON, Reiches alter Arbeitgeber.
- DUH: Einigung über neue Gaskraftwerke — „Schlappe für Katherina Reiche, aber kein Grund zum Feiern“
- ingenieur.de: Kraftwerksstrategie — Macht es Reiche am Ende doch wie Habeck?
- taz: Neue Gaskraftwerke sind flexibel, aber zu teuer
- cleanthinking: Reiches Kraftwerksstrategie — Risiko für Strompreise?
- ZFK: Experte zerlegt Reiches Strategie: „Es droht ein finanzielles Desaster“
Februar 2026: Heizungsgesetz gekippt — Ölheizungen wieder modern
Am 24. Februar 2026 einigt sich die Koalition auf Eckpunkte für das neue „Gebäudemodernisierungsgesetz“. Die 65-Prozent-Regel für erneuerbare Energien beim Heizungseinbau wird gestrichen. Die Austauschpflicht für 30 Jahre alte Öl- und Gasheizungen fällt. Wer will, baut wieder eine reine Ölheizung ein. Der Gesetzentwurf soll vor dem 1. Juli 2026 in Kraft treten.
Reiche hat geliefert, was die Union im Wahlkampf versprochen hat: die Abschaffung des „Heizungsgesetzes“. In der öffentlichen Wahrnehmung geht es um Vereinfachung und die vielbeschworene Technologieoffenheit. In der Praxis bedeutet es: fossile Heizungen sind wieder gleichberechtigt. Der CO₂-Preis soll es richten. Irgendwann.
Was niemand ahnt: In wenigen Tagen wird sich zeigen, was fossile Abhängigkeit kostet.
Ende Februar / Anfang März 2026: Iran-Krieg — die fossile Quittung
Am 28. Februar 2026 greifen die USA und Israel Iran an. Die Straße von Hormus — Nadelöhr für 20 Prozent des globalen Ölhandels — wird für Tanker unpassierbar. Am Freitag vor Kriegsbeginn kostet ein Barrel Brent-Rohöl 72 Dollar. Anfang März liegt es bei 120 Dollar. Heizöl steigt binnen 24 Stunden von 96 Euro auf 124 Euro pro 100 Liter. Innerhalb einer Woche klettert der Preis auf über 150 Euro — ein Plus von mehr als 50 Prozent.
Diesel erreicht Rekordwerte. An den Tankstellen zahlen die Deutschen Preise wie zuletzt 2022, als Russland die Gaslieferungen kappte. Die Ölkonzerne nutzen die Nervosität und weiten ihre Margen aus. Die Raffinerien verdoppeln den Aufschlag auf Gasoil. Es gibt keine Lieferengpässe in Deutschland. Aber die Angst reicht.
Greenpeace kommentiert: Die steigenden Energiepreise seien die Konsequenz einer Energiepolitik, die sich „viel zu lange auf Öl und Gas verlassen hat“. Es ist ein Satz, den man als Zusammenfassung von Reiches gesamter Karriere lesen kann.
Wer gerade — dank Reiches eben erst liberalisiertem Heizungsgesetz — eine neue Ölheizung eingebaut hat, zahlt die Zeche. Der zeitliche Abstand zwischen der Rehabilitierung der Ölheizung und dem Ölpreisschock beträgt wenige Tage.
- ZDF heute: Iran-Krieg treibt Öl- und Spritpreise in Deutschland
- Deutsche Handwerks Zeitung: Was der Iran-Krieg für Sprit, Heizöl und Gas bedeutet
- ADAC: Krieg in Nahost — Spritpreis sinkt — Trendwende in Sicht?
- esyoil: Irankrieg — Keine Entspannung in Sicht
- Greenpeace: Zu Wirtschaftsministerin Reiches Forderung, EU-Klimaziele aufzuweichen
13. März 2026: Fracking — die fossile Reserveoption
Am 13. März 2026 empfiehlt Reiches „Wissenschaftlicher Beraterkreis Wirtschaftspolitik“ (vier Ökonomen um Veronika Grimm) in einem Kurzgutachten zur Iran-Krise, die Gasförderung durch Fracking in Deutschland „ernsthaft zu prüfen“1. Die Vorräte seien vorhanden: zwischen 320 und 2.030 Milliarden Kubikmeter. Der Import von US-Flüssiggas lag 2025 bei rund 11 Milliarden Kubikmetern.
Fracking ist in Deutschland seit 2017 weitgehend verboten — wegen Grundwasserrisiken, Methanemissionen und hohem Wasserverbrauch. Seit 2021 wurden keine neuen Studien beauftragt.
Reiche selbst übernahm den Vorschlag nicht ausdrücklich, räumte ihn aber auch nicht ab. In den Funke-Zeitungen sagte sie, die Bundesregierung wolle die Gasförderung „nicht weiter behindern“. In geopolitisch angespannten Zeiten müsse man darüber sprechen.
1 Danke für den Hinweis, Ralf!
Sie werden mich als eine Ministerin erleben, die klare Vorstellungen hat, die aber auch sehr gut zuhören kann.
Business Insider, 22.05.2025
13. / 20. März 2026: Führungsstil — Misstrauen als Methode
Am 13. März 2026 berichtet der Spiegel, dass das Bundeswirtschaftsministerium die E-Mail-Konten mehrerer Beamter durchsucht hat. Reiche war vorab informiert. Anlass: Zwei interne Gesetzentwürfe — ein Arbeitsentwurf für das sogenannte Netzpaket vom 30. Januar und ein früher Entwurf der EEG-Novelle vom 22. Januar — waren an Medien gelangt. Beide Papiere waren weder mit der Koalition noch mit den betroffenen Branchen abgestimmt. Die Durchsuchung blieb ergebnislos. Die betroffenen Beamten wurden erst nachträglich informiert.
Eine Woche später berichtet das Handelsblatt: Mitarbeiter mussten zudem dienstliche Erklärungen unterschreiben, nachdem die Teilnehmerliste einer Delegationsreise nach Saudi-Arabien Ende Januar an die Presse gelangt war. Auch hier wurden E-Mail-Konten durchsucht. Mehrere Führungskräfte wurden abberufen — die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit, die Leitung des Referats für Reden und strategische Kommunikation, die Chefin der Leitungsstelle.
Im Ministerium mit über 2.500 Beschäftigten ist die Stimmung nach übereinstimmenden Berichten im Keller. Teile der Belegschaft sprechen von „willkürlichen Personalentscheidungen“. Manche werten die Durchsuchungen als Einschüchterungsversuch.
- Spiegel / Tagesspiegel: Wirtschaftsministerium ließ E-Mail-Konten von Beamten durchsuchen
- taz: Schnüffelministerin Katherina Reiche
- Handelsblatt: Geleakte Liste — Mitarbeiter sollen Erklärungen unterschreiben
- t-online: In Bundeswirtschaftsministerium wächst Unmut
- t-online: Katherina Reiche führt Kleinkrieg — wichtige Gesetze verschoben
24. März 2026: Ceraweek Houston — „naiv“ auf fossiler Bühne
Am 24. März 2026 sitzt Katherina Reiche auf einem Podium der Ceraweek in Houston, Texas. Die Ceraweek ist das wichtigste Branchentreffen der internationalen Öl- und Gasindustrie. Es ist kein Zufall, dass Reiche hier spricht. Es ist eine Heimkehr.
Vor diesem Publikum erklärt die deutsche Wirtschaftsministerin, es sei „naiv“, nur auf Wind und Solar zu setzen. Deutschland brauche Grundlastkraftwerke — gemeint sind ihre Gaskraftwerke. Das europäische Klimaziel, bis 2050 klimaneutral zu sein, sei zu starr. Man müsse akzeptieren, „dass bis 2050 vielleicht noch eine Lücke von fünf oder zehn Prozent bestehen könnte“.
Das EU-Klimaziel ist gesetzlich bindend. Eine Verfehlung bedeutet Strafzahlungen in Milliardenhöhe. Der wissenschaftliche Beirat der EU hält das Ziel für erreichbar und völkerrechtlich geboten. Reiche stellt es auf einer Ölkonferenz in Texas in Frage.
Einen Tag vor der geplanten Verabschiedung des Klimaschutzprogramms der Bundesregierung. Auch das dürfte kein Zufall sein.
- t-online: Reiche stellt Klimaziele infrage — Deutsche Energie-Wende ist „naiv“
- taz: Auf fossiler Energiekonferenz in Texas — Reiche stellt EU-Klimaziel infrage
- Tagesspiegel: Wirtschaftsministerin Reiche zieht EU-Klimaziel für 2050 in Zweifel
- watson.ch: Katherina Reiche — Deutsche Wirtschaftsministerin stellt Klimaziele infrage
25. März 2026: Klimaschutzprogramm — Pflichtübung mit veralteten Zahlen
Das Kabinett beschließt das neue Klimaschutzprogramm. 67 Maßnahmen, acht Milliarden Euro. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) kündigt einen neuen Schub für den Klimaschutz an. Aber: Das Programm rechnet mit Zahlen vom November 2025. Nicht berücksichtigt: die Auswirkungen des Iran-Kriegs, die Entschärfung des Heizungsgesetzes und Reiches Förderkürzungen für Solaranlagen. Die reale Klimaschutzlücke ist größer als die offizielle.
Der Sachverständigenrat für Klimafragen stellt fest: Das Programm erfüllt nicht die gesetzlichen Anforderungen. Das Bundesverwaltungsgericht hatte am 29. Januar 2026 höchstrichterlich bestätigt, dass Klimaschutzprogramme keine bloßen Absichtserklärungen sein dürfen — sie müssen konkrete, ausreichende Maßnahmen enthalten. Die Deutsche Umwelthilfe zieht vor Gericht, ihr Anwalt Remo Klinger sagt voraus: Das Programm werde eine gerichtliche Überprüfung nicht überleben.
Katherina Reiche macht also mutmaßlich verfassungswidrige Klimapolitik.
Die Ökonomie kennt keine Übergewinnsteuer und die Ökonomie kennt auch keine Übergewinne.
Focus, 28.03.2026
29. März 2026: Drei Milliarden, die es nicht gibt
In einem offiziellen Video des Wirtschaftsministeriums behauptet Reiche, pro Jahr werde in Deutschland „Strom für drei Milliarden Euro einfach weggeworfen“. Das sei ein Hinweis auf „eine Energiewende ohne ökonomische Vernunft“. Mit der Zahl begründet sie ihre Pläne, den Ausbau erneuerbarer Energien zu bremsen.
Die Zahl ist falsch. Auf Anfrage der Redaktion Correctiv stellt das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik klar: Die Entschädigungen für abgeregelte erneuerbare Energien lagen 2025 bei 435 Millionen Euro — 120 Millionen weniger als im Vorjahr. 96,5 Prozent des erneuerbaren Stroms kamen bei den Verbrauchern an. Den größten Anteil der von Reiche genannten Redispatch-Kosten machten mit rund 1,1 Milliarden Euro die Einsatzkosten für fossile Kraftwerke aus. Dazu kamen etwa eine Milliarde Euro für Reservekraftwerke. Der Großteil der Summe fließt also nicht in „weggeworfenen“ Ökostrom, sondern in fossile Kapazität.
Die Spiegel-Kolumne von Christian Stöcker fasst es in zwei Sätze: Entweder die Energieministerin wisse das nicht. Oder sie lüge in die Kamera, um ihre Politik zu verkaufen.
Das Muster
Legt man die Stationen nebeneinander, wird eine Systematik sichtbar:
1. Personelle Kontinuität. Katherina Reiche hat den Solarausbau 2012 als Staatssekretärin gebremst. Sie bremst ihn 2025 als Ministerin. Das ist kein Zufall, kein Lerneffekt. Es ist Programm.
2. Institutionelle Nähe. Die fünf Jahre bei Westenergie/E.ON sind keine Episode in Reiches Lebenslauf. Sie sind das Scharnier. Wer 37.000 Kilometer Erdgasnetz verantwortet hat, denkt in Gasnetzen. Wer in der Vorstandsetage eines fossilen Versorgers saß, sieht erneuerbare Energien als Störung — nicht als Lösung.
3. Die Methode. Reiche greift nie frontal an. Sie beauftragt Studien bei Instituten, in deren Gremien ihre ehemaligen Geschäftspartner sitzen. Sie spricht von „Technologieoffenheit“, meint aber: fossile Gleichberechtigung. Sie stellt Klimaziele nicht direkt in Frage — sie nennt sie „naiv“ und will „flexibilisieren“.
Ironie der Gleichzeitigkeit
Wenige Tage liegen zwischen der Rehabilitierung der Ölheizung und dem Ölpreisschock durch den Iran-Krieg. Es ist keine Pointe, die man erfinden müsste. Die Abhängigkeit von fossiler Energie ist kein theoretisches Risiko. Es ist eine Rechnung, die alle paar Jahre ins Haus flattert — 2022 mit russischem Gas, 2026 mit iranischem Öl. Katherina Reiches Politik sorgt dafür, dass die Rechnung weiterhin an die Bürger geht.
Nebenschauplätze
2005 bezeichnete sie Gegner der Gentechnik als „Bioterroristen“. Gegen die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften positionierte sie sich über mehr als ein Jahrzehnt: 2002 lehnte sie die gleichgeschlechtliche Ehe öffentlich ab, 2011 nannte sie homosexuelle Paare „nicht normal“, 2012 erklärte sie, Deutschlands Zukunft liege „in der Hand der Familien, nicht in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften“, 2013 sprach sie im Zusammenhang mit der Ehe für alle von „Hedonismus“ und „unendlichem Leid“. Das ist nicht der Kern dieses Dossiers. Aber es markiert eine Haltung, in der Ideologie konsequent vor Fakten kommt.
- Wikipedia: Katherina Reiche
- Campact: Katherina Reiche — Die Lobby-Ministerin
- Spiegel: Katherina Reiche — Nein zur Homo-Ehe, Ja zur eigenen Hochzeit
- Welt: Katherina Reiche lehnt Homo-Ehe ab
- queer.de: Sie hält homosexuelle Paare für „nicht normal“ — Reiche wird Bundesministerin
- Tagesspiegel/PNN: JU entsetzt über Reiche
Dieses Dossier erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ergänzungen und Korrekturen sind willkommen.


