Wenn der Diskurs verrutscht

Die AfD steht in Umfragen bei 25%. Politisch motivierte Straftaten von rechts haben sich zwischen 2022 und 2024 mehr als verdoppelt. Ex-Familienministerin Kristina Schröder möchte Menschen mit Behinderungen finanzielle Hilfen streichen und in Schulen soll wieder die Hymne gesungen werden. Derweil stellt die ARD bei „Die 100 – was Deutschland bewegt“ die Frage: „Ist Deutschland zu woke?“

Wenn der Diskurs verrutscht
Quelle: Sora

Programmdirektion – Erstes Deutsches Fernsehen (ARD)
Arnulfstraße 42
80335 München

15.12.2025

Betreff: Medienethische Einwände zur Leitfrage in „Die 100 – was Deutschland bewegt“

Sehr geehrte Frau Strobl,

in der heutigen Ausgabe der Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ wurde die Leitfrage gestellt: „Ist Deutschland zu woke?“ Diese Fragestellung wirft aus medienethischer Sicht erhebliche Fragen auf.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht lediglich Abbild, sondern Mitgestalter gesellschaftlicher Diskurse. Gerade in Zeiten nachweislich steigender rechtsextremer Gewalt, zunehmender demokratiefeindlicher Rhetorik und eines anhaltenden Umfragehochs einer vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei kommt der Auswahl, Gewichtung und Rahmung von Themen besondere Verantwortung zu.

Der Begriff „woke“ ist kein neutral-deskriptiver Analysebegriff, sondern ein politischer Kampfbegriff, der gezielt zur Delegitimierung pluralistischer, emanzipatorischer und menschenrechtlicher Positionen eingesetzt wird. Ihn zur zentralen Leitfrage einer gesellschaftspolitischen Sendung zu erheben, ohne seine politische Funktion offenzulegen oder kritisch zu dekonstruieren, bedeutet, ein spezifisches Narrativ zu reproduzieren und zu normalisieren – nicht, es journalistisch einzuordnen.

Medienethisch problematisch ist dabei weniger die Existenz der Debatte als ihre Priorisierung. Während reale und messbare Gefahren für die demokratische Ordnung bestehen, wird ein diffuses, emotional aufgeladenes Schlagwort in den Mittelpunkt gerückt, das vor allem als Mobilisierungsinstrument im Kulturkampf dient. Dies verschiebt Aufmerksamkeit weg von strukturellen Problemen hin zu symbolischen Empörungsfragen – ein Mechanismus, der eher aus dem kommerziellen Erregungsjournalismus bekannt ist als aus dem öffentlich-rechtlichen Auftrag.

Der Rundfunkstaatsvertrag verpflichtet den ÖRR zu Ausgewogenheit, Sachlichkeit und zur Förderung der demokratischen Meinungsbildung. Aus dieser Perspektive wirkt die gewählte Leitfrage nicht wie ein Beitrag zur Aufklärung, sondern wie eine Konzession an quotengetriebene Zuspitzung auf Kosten gesellschaftlicher Einordnung.

Ich halte dies für eine bedenkliche Entwicklung und bitte Sie, die redaktionellen Maßstäbe bei der Themenwahl und -rahmung solcher Formate kritisch zu reflektieren – zumindest, wenn Ihnen an mehr gelegen ist, als nur an der Quote.

Mit freundlichen Grüßen

Günther Klebinger

Günther Klebinger
Würzburg

München, 12 Januar 2026

Lieber Herr Klebinger,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 15.12.2025. Ich hoffe, Sie sind zwischenzeitlich gut ins neue Jahr gerutscht.

Zu Ihrer Kritik: Ein Stück weit verstehe ich Ihre Bedenken, denn ich stimme Ihnen zu; der Begriff „woke“ ist nicht neutral. Es ist ein Synonym, das für eine Diskussion und eine gesellschaftliche Auseinandersetzung steht. Genau das haben die Kolleginnen und Kollegen vom NDR bei der Wahl ihres Sendungstitels mitbedacht. Ich habe Ihnen hier einen Screenshot eingefügt, in dem deutlich wird, wie der Titel gemeint ist:

Gendern, Schnitzel, Minderheitenschutz: ist Deutschland zu „woke“?

Es geht hier nicht um die Auseinandersetzung mit einer neutralen Zustandsbeschreibung, sondern um das Aufgreifen eine laufende Diskussion in der Gesellschaft, wie mit unterschiedlichen Themen umgegangen werden soll (Gendern, Schnitzel, Minderheitenschutz). ,“Woke“ – im Titel in An- und Abführung – ist dabei ein Kampfbegriff geworden. Deswegen steht er im Titel, denn um diesen Kampf geht es in der Sendung.

„Die 100″ ist eine Pro- und Contra-Sendung. Zwei unterschiedliche Seiten stellen ihre Argumente vor, die meinungsstarken Gäste im Studio und Zuschauerinnen und Zuschauer sollen sich im Abwägen der vorgestellten Argumente ihre eigene Meinung bilden.

Damit auf beiden Selten zumindest die Bereitschaft bestehen kann, sich diese Argumente anzuhören, sollte die Leitfrage offen und so formuliert sein, dass beide Seiten des Spektrums dazu eine Haltung haben können. Dabei geht es uns im Übrigen nicht um Quote, sondern darum unterschiedliche Sichtweisen In der Gesellschaft zu Wort kommen zu lassen, damit sich unser Publikum eine eigene Haltung bilden kann – das ist für mich eine der vornehmsten Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wir haben den klaren Auftrag, Programm für alle Menschen in Deutschland zu machen und dabei geht es um die schwierige Frage, wie wir einen Diskurs ermöglichen können zwischen Menschen mit stark unterschiedlichen Haltungen.

Die Herausforderung für uns besteht darin, nach Möglichkeit auch Menschen erreichen, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ohnehin Voreingenommenheit unterstellen und von seinen Angeboten kaum mehr erreichbar sind.

Wenn wir den Auftrag, Programm für alle zu machen, ernst nehmen, dann müssen wir in aktuellen gesellschaftlichen Debatten beide Seiten abbilden. Dazu ist es nach meiner Einschätzung legitim, ideologische Kampfbegriffe aus dieser Debatte im Titel zu zitieren und sich in der Sendung kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Das ist nach meiner Ansicht das Gegenteil davon, einen umstrittenen Begriff zu normalisieren.

Sie erinnern zurecht daran, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk „Medium und Faktor im Prozess individueller und öffentlicher Meinungsbildung“ ist. In „Die 100″ wird beiden Seiten eines Spektrums einer laufenden gesellschaftlichen Debatte gleichberechtig Raum gegeben. Die Grenzen liegen für uns da, wo strafrechtlich relevante, menschen- oder verfassungsfeindliche Ansichten vertreten werden. Der Moderator tritt nicht als Schiedsrichter auf, sondern ermöglicht den beiden Seiten, Argumente vorzubringen. So liefert die Sendung im besten Falle Material für eine individuelle politische Meinungsbildung – und die Möglichkeit, dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Haltungen vor der Kamera diskutieren, engagiert und emotional, aber ohne Hass und Hetze.

Liebe Grüße

Christine Strobl
ARD-Programmdirektorin

Programmdirektion – Erstes Deutsches Fernsehen (ARD)
Arnulfstraße 42
80335 München

18.01.2026

Betreff: Ihre Antwort zur Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“

Sehr geehrte Frau Strobl,

vielen Dank für Ihre ausführliche und persönliche Antwort und die ernsthafte Auseinandersetzung mit meiner Kritik. Ich schätze es ausdrücklich, dass Sie den Begriff „woke“ selbst als nicht neutralen Kampfbegriff einordnen und diese Problematik klar benennen.

Gerade an diesem Punkt bleibt für mich jedoch eine medienethische Frage offen, die ich gern noch präzisieren möchte: Sie argumentieren, dass die Verwendung eines ideologischen Kampfbegriffs im Titel legitim sei, um ihn innerhalb der Sendung kritisch zu verhandeln. Meine ursprüngliche Kritik zielte weniger auf die Debatte innerhalb des Formats als auf die vorgelagerte Rahmung durch die Leitfrage selbst.

Unabhängig von der inhaltlichen Ausgestaltung einer Pro-und-Contra-Sendung wirkt der Titel bereits als strukturierendes Element öffentlicher Aufmerksamkeit. Er setzt die Agenda, definiert den Problemrahmen und markiert, was als gesellschaftlich zentral gilt. Insofern stellt sich aus meiner Sicht weiterhin die Frage, ob die prominente Platzierung eines politisch aufgeladenen Begriffs – selbst in distanzierenden Anführungszeichen – nicht bereits Teil jenes Normalisierungsprozesses ist, den Sie ausdrücklich vermeiden möchten.

Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch Menschen erreichen will, die ihm Voreingenommenheit unterstellen, halte ich für ein legitimes und wichtiges Ziel. Zugleich bleibt es eine Gratwanderung, ob dies eher durch kritische Einordnung oder durch die Übernahme ihrer Begriffe im zentralen Framing gelingt. Genau in dieser Spannung sehe ich den Kern meiner Irritation.

Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Rückmeldung und die Transparenz Ihrer Argumentation. Auch wenn wir die Frage unterschiedlich bewerten, halte ich den Austausch über diese Maßstäbe für notwendig und wertvoll.

Mit freundlichen Grüßen

Günther Klebinger

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